Dienstag, 6. März 2018

Countdown zur LBM 2018

In nicht einmal 10 Tagen startet endlich wieder die Leipziger Buchmesse, und so langsam werde ich hibbelig, denn ich fahre wieder hin. Für mich ist es in diesem Jahr wieder besonders aufregend, denn ich habe eine Neuerscheinung aus eigener Feder im Gepäck und werde eine Autorin bei der Präsentation ihrer eigenen Neuerscheinung tatkräftig unterstützen. Ich werde vor Publikum lesen und eine Party für Buchmenschen besuchen. Ich werde Autoren treffen, mit denen mich schon eine jahrelange Freundschaft verbindet, und ich freue mich auf ein paar neue Gesichter und auf ein Wiedersehen mit alten Freunden aus längst vergangenen, aber nie vergessenen Zeiten wiedersehen.

Aber der Reihe nach, sonst komme ich noch selbst durcheinander!

Hier kommt also mein Fahrplan nach Leipzig.

Qindie-Power

Nur dank Qindie kann ich auch in diesem Jahr von mir sagen, dass ich als Aussteller zur Messe fahre. Denn wir haben wieder einen gemeinsamen Messestand. Wo? Genau hier, bitte notieren:

Halle 5 Stand C301

Ihr werdet uns am großen Q schon von weitem erkennen. Wir befinden uns wieder in hochkarätiger Gesellschaft mit Amazon KDP, Tolino Media, BoD & Co. Qindie hat auch ein paar spannende Termine auf der Buchmesse und in Leipzig, zum Beispiel Lesungen unserer Autoren in den Messehallen, eine Pressekonferenz am Freitagnachmittag am Stand und eine Gemeinschaftslesung am Samstagabend, bei der ich auch dabei sein werde.

Alle Infos rund um den Qindie-Messeauftritt findet ihr in übersichtlicher Form auf unserer Website.

Am Samstagvormittag habe ich dann auch ganz offiziell Standdienst, werde mich aber auch sonst immer wieder an unserem Stand blicken lassen.

Psst - Guerillas in der Stadt

Am Freitagvormittag solltet ihr, sofern ihr keine festen Termine auf der LBM habt, nicht sofort zum Messegelände fahren, sondern erst einmal gemütlich frühstücken und dann um 10 Uhr zum Mendebrunnen am Augustusplatz kommen, wo sich zum zweiten Mal eine illustre Schar von Autoren zur gemeinsamen unangemeldeten Lesung verabredet hat.

Mit dabei sind zum Beispiel Faye Hell, die Initiatorin dieser genialen Aktion, Simona Turini, Michaela Harich, M.H. Steinmetz, Melanie Vogltanz, meine Wenigkeit und noch einige andere "Buchstaben-Rebellen".

Wir machen einen gemeinsamen Spaziergang bis zum Hauptbahnhof mit mehreren Stationen, an denen jeweils ein paar aus unseren Reihen ein paar düster-unterhaltsame Kostproben ihres schriftstellerischen Könnens zum Besten geben.

Könnte sein, dass auch ein paar Goodies verteilt werden. Und Süßigkeiten. Also, was ich eigentlich sagen will: Es lohnt sich!

Es gibt eine Facebook-Veranstaltung für unsere streng geheime Lesung. Sucht mal danach (Guerilla Lesung LBM18) oder schreibt mir eine PN, ich lade euch gern ein!








Zombies, Einhörner und fliegende Penisse

Klingt bekloppt? Ist es auch. Auf eine gute, völlig abgefahrene Weise. Michaela Harich ist mittlerweile eine sehr gute Freundin von mir und eine ungewöhnliche Autorin. Sie wird auf der LBM ihr neuestes Machwerk vorstellen, das pünktlich zur Buchmesse beim Amrûn Verlag erscheint. Und wer durfte das Lektorat dafür machen? Ich!

Aber wie kam ich zu der Ehre (Ehre? Ja, doch, Ehre!), an diesem wohl wahnsinnigsten Buch des Jahres beteiligt zu sein? Erinnert ihr euch an die LBM 2017? Am Freitagabend ging das, meine ich, schon los. In der Soupbar. Lag es an der Suppe? Eher wohl an den Cocktails. Man weiß es nicht. Am Sonntag beim Frühstück am Hauptbahnhof kristallisierte sich dann eine konkrete Idee heraus, und so ungefähr zwei Monate später fragt Michaela mich doch tatsächlich an, ob ich bereit sei, das Lektorat ebenjenes Machwerks zu übernehmen, das sie wirklich, ernsthaft, echt jetzt, niedergeschrieben hat. Und es kam alles drin vor, worüber wir vorher herumgealbert hatten: Einhörner, Millionäre, Sex, Zombies und ganz viele Penisse.

Der Oberhammer war aber, als ich nach vollendetem Lektorat erfuhr, dass niemand Geringeres als der Amrûn Verlag die Geschichte verlegen würde. Whooaat? Jürgen Eglseer ist halt auch so ein Bekloppter. Und ein Visionär. Er hat das Potential dieser Geschichte sofort erkannt und zugeschlagen, bevor es ein anderer tun konnte. Tja, und so kam es, dass ich mich Verlagslektorin bei Amrun nennen darf und mit meiner Lieblingsverrückten zusammen ein Buchbaby zur Welt gebracht habe. Und ist das Cover nicht der Hammer? Michaela wird am Freitag um 13 Uhr am Stand von Amrûn (Halle 2 H329 direkt neben der Fantasy-Leseinsel) zu finden sein und signiert euch bestimmt gern eines ihrer Bücher!

LBM nicht ohne Skoutz

Ich fühle mich ja schon mit Skoutz verbunden, seit sie vor zwei Jahren zum ersten Mal den Skoutz Award verliehen und ich es bis ins Finale schaffte. Auf jeder LBM besuche ich das Team auf dessen Stand. Zum mittlerweile 6. Mal steigt am Freitagabend die Skoutz Leserparty, und ich werde wieder mit von der Partie sein. Zusammen mit ein paar Freunden werden wir die BB Eventbar unsicher machen.

An diesem Abend werden auch die Midlists zu den Skoutz Awards 2018 verkündet, und ich hege ja ein wenig die Hoffnung, dass Qindie es mit der wunderbaren Anthologie "Letzte Fahrt" schafft. Mal schauen, ob wir Antho-Juror Thorsten Küper überzeugen konnten. Ich werde auf jeden Fall berichten.

Dunkle Begegnungen auf der LBM

Wenn ihr mögt, besucht mich am Qindie-Stand und werft einen Blick in mein frisch erschienenes Buch "Dunkle Begegnungen". Ich werde einen kleinen Vorrat an Taschenbüchern mitbringen und würde mich sehr freuen, das eine oder andere Exemplar mit Widmung an die Frau oder den Mann bringen zu dürfen.

Aber auch sonst freue ich mich auf euren Besuch und viele gute Gespräche. Wer mich noch nicht persönlich kennt: So bedrohlich bin ich gar nicht! Ich kann auch ganz lieb sein.

So, ich habe bestimmt was vergessen, aber ihr seht schon, mein LBM-Terminkalender ist pickepackevoll. Und ich freue mich ja so darauf!

Sehen wir uns?




Sonntag, 4. März 2018

Darf ich vorstellen: Herzblut

Kommen wir zum Abschluss von "Dunkle Begegnungen" - zur letzten Geschichte im Buch. Auch diese ist noch einmal verdammt kurz. Betrachtet sie als kleines Dessert nach einem opulenten Menü. Das geht doch immer noch rein.

Worum geht's?

Der Titel "Herzblut" darf wörtlich genommen werden. Wir begegnen einer jungen Frau namens Nina und ihrem Dozenten, mit dem sie sich offensichtlich zu einem Date trifft. Doch Nina verfolgt ganz andere Ziele.



Wie die Geschichte entstand

Erneut ist Sweek schuld an der Entstehung. Nach dem Wettbewerb #MikroFeuer folgte #MikroHerz, passend zum Monat Februar, in dem der Feiertag der Verliebten stattfindet, der Valentinstag. Zu meinem Glück wurde aber nicht erwartet, dass die Beiträge ausnahmslos romantisch und voller Verliebtheit und großer Gefühle sein mussten. Das Genre war wieder frei wählbar, so lange das Wort Herz vorkam und man maximal 250 Wörter verbrauchte - ja, das Limit ist ein bisschen raufgesetzt worden.

Ich durfte mich also austoben, und so schrieb ich statt einer Liebesgeschichte eine Rachegeschichte. Gestern wurden die Gewinner bekanntgegeben. Meine Geschichte ging diesmal leer aus, aber das war bei der wirklich großen Konkurrenz nicht weiter tragisch. Ich habe bei Sweek viel begeistertes Feedback erhalten. Vor allem das Ende, das mit ordentlich Schmackes daherkommt, kam wieder sehr gut an.

Lesepröbchen

Das sollt ihr natürlich auch wieder kriegen, es fällt nur naturgemäß knapp aus - 248 Wörter, mehr brauchte ich für diesen Extrakurzthriller nicht. Viel Spaß!

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»Herzblut. Damit musst du schreiben. Dann wird es gut.«
Nina hörte zu. Herzblut. Na klar.
»Sagte nicht schon der Fuchs zum Kleinen Prinz: Man sieht nur mit dem Herzen gut? Eben. Und mit Herzblut schreibt man gut.«
Der Dozent strich sich theatralisch eine Locke hinters Ohr und faselte weiterhin selbstverliebt von der Schönheit und Kraft leidenschaftlich niedergeschriebener Worte. Sie ließ ihn reden und schenkte schweigend Rotwein nach. Er versank völlig in seinem Lieblingsthema. Der leicht bittere Nachgeschmack fiel ihm nicht auf.

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Auch für diese Geschichte gilt: Sweeker können sie kostenlos hier lesen. Aber ihr wisst, ich freue mich über jeden, der sich das ganze Buch als E-Book oder Taschenbuch holt.

Feedback erwünscht

Ihr Lieben, es hat mir Spaß gemacht, euch meine Geschichten vorzustellen. Ich hoffe, ich konnte eure Neugier wecken. Worüber ich mich jetzt am meisten freuen würde, wäre euer Feedback. Schreibt mir einen Kommentar hier auf dem Blog, hinterlasst mir eine Rezension bei Amazon oder Lovelybooks oder Goodreads oder bei der Lesekanone (und wo ihr sonst noch gern eure Rezensionen veröffentlicht). Und wenn ihr ein Buchblog habt und an meinem Buch interessiert seid, meldet euch gern! Ich habe ein paar Rezensionsexemplare da.

Samstag, 3. März 2018

Darf ich vorstellen: Jetzt oder nie

Wenn ich jetzt nicht aufpasse, wird dieser Blogartikel länger als die Geschichte, die ich darin präsentieren möchte. Mal schauen, wie ich das hinkriege. Spoiler: Der Artikel ist länger als die Geschichte, die ich darin präsentiere.

Worum geht's?

Da haben wir Hanna. Sie ist mit einer besonderen Gabe ausgestattet. In dieser winzigen Szene, die in dieser Geschichte erzählt wird, erinnert sie sich an Zwischenfälle aus ihrer Vergangenheit, bevor wir zum Hier und Jetzt kommen, wo Hanna erneut mit ihrer Gabe konfrontiert wird, als sie dem Mann ihrer Träume begegnet. Aber mehr darf ich hier wirklich nicht erzählen!

Wie die Geschichte entstand

Überraschung: Ich nahm damit an einem Wettbewerb teil. Ja, wieder einmal. Irgendwie reizen mich solche Herausforderungen immer wieder und helfen mir auch, aus diffusen Ideen konkrete Plots zu erschaffen. Diesmal war es die Plattform Sweek mit ihrem monatlich stattfindenden Wettbewerb #Mikro. Jeder Mikro-Wettbewerb hat ein anderes Thema. Das, für das ich "Jetzt oder nie" schrieb, lautete "Feuer". Zwei Bedingungen musste ich erfüllen: Das Wort Feuer musste irgendwie enthalten und/oder verarbeitet sein. Die Geschichte durfte maximal 200 Wörter haben. Letzteres war tatsächlich die größere Hürde, denn ich hatte relativ schnell eine passende Story zusammen, aber die so zu kürzen, dass sie die geforderte Wortzahl einhält und gleichzeitig gut zu lesen und spannend ist, das war gar nicht so leicht. Ich bin zwar immer noch eine Kurzgeschichtenautorin, aber inzwischen werden meine Geschichten immer länger, was ich in "Dunkle Begegnungen" auch beweise.

Nun musste ich mich also extrem kurz halten, aber ich denke, das ist mir gelungen. Der Sweek-Jury hat "Jetzt oder nie" auch gefallen, und so landete ich unter den Finalisten - den besten 10 Geschichten aus diesem Wettbewerb. Das motiviert unheimlich.

Lesepröbchen

Das ist dieses Mal tatsächlich nur ein Pröbchen, denn wie erwähnt - die gesamte Geschichte hat gerade mal 199 Wörter.

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Hanna sah Dinge. Erst passierten sie in ihren Träumen, dann in der Wirklichkeit. Das war schon immer so gewesen. So wie damals bei dem Mädchen mit den roten Schuhen auf der Schaukel. Das immer höher schaukelte, bis es herunterfiel und mit seinem Kopf auf einem Stein aufschlug. Das Geräusch, das ihr Schädel machte, als er brach, hatte Hanna schon einmal gehört – in dem Traum in der Nacht zuvor.


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So, das muss reichen. Die aktiven Sweeker unter euch können die ganze Geschichte kostenlos auf Sweek lesen. Alle anderen finden sie als vorletzten Beitrag im E-Book oder Taschenbuch auf Amazon.

Freitag, 2. März 2018

Darf ich vorstellen: Die Sache mit dem Einhorn

So, jetzt kommt eine ganz besondere Geschichte. Der achte Beitrag in "Dunkle Begegnungen" hat es in sich. Das Verrückte daran ist: Ich weiß bis heute nicht, ob ich diese Geschichte den Einhorn-Fans empfehlen oder ihnen lieber davon abraten soll, sie zu lesen. Sagen wir so: Niemand muss sich Sorgen um das Einhorn machen - dem Einhorn geht es gut!

Worum geht's?

Die Brüder Steve und Joey Banning kümmern sich um das kleine Hotel Unicorn Inn und hüten ein dunkles Geheimnis. In ihren Wäldern treibt ein echtes Einhorn sein Unwesen. Es ist traumhaft schön und majestätisch, doch man möchte ihm lieber nicht begegnen, denn diese Begegnungen enden für alle Besucher tödlich. Steve und Joey haben ihrer Mutter vor ihrem Tod versprochen, sich weiter um das Einhorn zu kümmern und sein Geheimnis zu bewahren, doch Steve ist müde geworden, und Joey sucht schon nach Möglichkeiten, das böse Einhorn loszuwerden. Er lädt den selbsternannten Großwildjäger Hank ein und begibt sich trotz Steves Warnung auf die Jagd.

Wie die Geschichte entstand

Der Titel entstand aus einer Art Verlegenheit, denn mir wollte, nachdem ich die Story endlich fertig hatte, nichts Passendes, Griffiges einfallen, und im Manuskript wird "Die Sache mit dem Einhorn" tatsächlich auch wortwörtlich erwähnt. Ich hatte die Geschichte für eine Ausschreibung eines kleinen Verlages geschrieben, der Einhorngeschichten suchte, die ... anders waren. Die Einhörner sollten nicht niedlich, pummelig oder harmlos sein. Es sollte nichts mit Kitsch und Puderzucker und tonnenweise Glitzer sein, sondern etwas, das sich problemlos ins Horrorgenre einsortieren lässt. Naja, irgendwie. Das mit der Ausschreibung hat übrigens geklappt, sogar so gut, dass mein Einhorn die Anthologie eröffnen durfte. Leider gibt es den Verlag schon nicht mehr - die Verlagsbranche ist manchmal ganz schön schnelllebig, und so beschloss ich, meiner Geschichte in meinem eigenen Kurzgeschichtenband ein neues Zuhause zu geben.

Ich mochte Einhörner schon immer gern, aber mir gefällt die "klassische" Variante - majestätisch, anmutig, überirdisch schön. Die kleinen dicken Comic-Einhörner mit regenbogenfarbener Mähne, albernen Sprüchen und Glitzer finde ich zwar auch lustig, aber das ist nicht dasselbe. Ich dachte mir also, ich könnte versuchen, meinen Lieblingsfabelwesen den Respekt zu erweisen, den sie verdienen. Naja, und noch einen draufzusetzen. Und so schickte ich die Banning-Brüder in den finstren Wald, in dem ein wunderschönes, aber ziemlich bösartiges Einhorn sein Unwesen trieb. Es hat mir großen Spaß gemacht, diese wunderbare fiese, blutige Geschichte aufzuschreiben, und nun hoffe ich, dass sie euch genauso gut gefällt.

Lesepröbchen

Na los, ihr Lieben, dann mal rein mit euch in den Banning-Forest, das Einhorn wartet schon ...

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Michaels Freude darüber, ein echtes, leibhaftiges Einhorn zu erblicken, währte nicht lange. Sie endete in dem Moment, als ebenjenes Wesen sein namensgebendes Horn in Tinas Brustkorb stieß. Aus ihrem Mund drangen röchelnde Laute der Überraschung, die in schrilles Kreischen übergingen, als das Einhorn seinen Kopf hob und Tina gleich mit. Aufgrund der veränderten Position durchdrang das Horn ihren Körper vollständig und trat aus ihrem Rücken hervor – rot glänzend. Tina stöhnte noch ein letztes Mal auf, lang und qualvoll, bevor ihr Bewusstsein das Weite suchte. Das Einhorn tat ein paar Schritte, trug die aufgespießte junge Frau wie eine stolze Jagdtrophäe vor sich her. Dann schleuderte es seinen Kopf kraftvoll hin und her und warf Tina in hohem Bogen ab. Ihr Körper überschlug sich noch einmal und blieb schließlich still und blutend liegen – direkt vor Michaels Füßen.
Bis zu diesem Augenblick hatte er wie versteinert dagestanden, während die Kamera seines Smartphones weiterlief und alles aufzeichnete. Er hatte mit offenem Mund geglotzt und es nicht geschafft, das, was seine Sinne ihm zeigten, mit dem zu vereinen, was er zu wissen glaubte. Das Einhorn stellte sich auf die Hinterbeine, schlug mit den Vorderläufen kraftvoll aus und ließ einen Schrei ertönen, den Michael einem solchen Wesen niemals zugetraut hätte. Es klang nicht wie das liebliche Wiehern eines filigranen, feengleichen Fabelwesens. Das ging schon eher in die Richtung wütender Löwe oder beißwütiger Velociraptor. Vielleicht eine Mischung aus beiden. Und dieses Geräusch entstammte der Kehle eines Einhorns. Eines echten, lebendigen Einhorns. Es klang wütend, es raste geradezu, und soeben hatte es Michaels Freundin kaltgemacht.
Tina war tot. Seine Freundin war gerade von einem Einhorn umgebracht worden. So absurd der Gedanke sich auch anfühlte, er entsprach, nüchtern und bei Tageslicht betrachtet, voll und ganz den Tatsachen. Weiter kam Michael jedoch in seinen Überlegungen nicht. Auch für Trauer um seinen Verlust blieb kein Raum mehr.
Als das Einhorn sich aufbäumte und mit gesenktem Haupt und nach vorn gerichtetem Horn (von dem noch immer Tinas Blut tropfte) auf Michael zu galoppierte, trat sein Verstand endgültig die Flucht an.
Er bemerkte nicht, wie ihm sein Smartphone aus der Hand fiel. Es landete auf dem weichen Boden der Lichtung, die Kamera hielt genau auf Michael und filmte unermüdlich weiter. Sie zeichnete auf, wie Michaels Blase ihn im Stich ließ und der khakifarbene Stoff seiner Cargohose sich vom Schritt abwärts dunkel färbte. Sie schnitt mit, wie Michael einen letzten kraftlosen Versuch unternahm, dem heranrasenden Killer-Einhorn auszuweichen, doch dafür war es zu spät. Das Horn traf ihn mit voller Wucht in der Bauchdecke, durchdrang mühelos sein T-Shirt, seine Haut- und Fettschichten, bevor es ihn von den Füßen hob und wie einen übergroßen Schaschlik aufspießte. Michaels Todesschreie schnitten durch die schwüle Nachmittagsluft. Weder er noch das Einhorn waren im Fokus der Kamera, aber als das Wesen Michaels Körper ebenso schwungvoll abwarf wie zuvor Tina und er auf den Boden krachte, spritzte das Blut zu allen Seiten, und ein Tropfen landete direkt auf der Linse und färbte das Gras und den Himmel, die nun von der Kamera eingefangen wurden, rot.
Michael hatte weniger Glück als Tina. Er starb nicht sofort an seiner aufgerissenen, durchbohrten Bauchhöhle. Noch eine halbe Stunde lang nahm die Kamera seines Smartphones die blutgetränkte Umgebung und Michaels klägliches, verzweifeltes Winseln auf. Die Geräusche seines Todeskampfes wurden schwächer und schwächer und erstarben fast zeitgleich mit dem Ende der Aufnahme.
 
Es dämmerte bereits, als Steve Banning die Einhornlichtung betrat. Er stellte den Karren ab, den er den ganzen Weg vom Parkplatz bis hierher hinter sich hergezogen hatte, streckte sich und stemmte dabei die Fäuste in den Rücken. Seine Bandscheibe meldete sich schmerzhaft, und es knackte unüberhörbar im Rückgrat.
»Alter, lange mache ich diesen Scheiß nicht mehr mit«, murmelte er und schob das aufgeweichte Stück Kautabak von einer Wange in die andere, bevor er dunkelgefärbten Speichel ausspuckte. Dann verbrachte er einige Minuten damit, schweigend über den Ort zu blicken und alle Eindrücke aufzunehmen.
Als er damit fertig war, kommentierte er es ungerührt mit den Worten: »Was für 'ne Schweinerei!«
Die Melodie von Knight Rider ertönte plötzlich aus seiner Brusttasche. Er fummelte das Telefon heraus und schaute aufs Display. Klar, Joey, wer sonst.
»Hey Bruder«, meldete er sich, »was gibt’s?«
»Stevie, alter Junge, wie lange brauchst du noch?«, kam die Antwort.
»Alter, mal langsam, ich bin gerade erst angekommen«, gab Steve träge zurück. »Bis ich den Saustall beseitigt habe, ist es dunkel wie in einem Affenarsch.«
»So schlimm?«
»Jepp.« Steve bekreuzigte sich, auch wenn er schon lange aufgehört hatte, an den Scheiß zu glauben.
»Oh Mann«, stöhnte Joey am anderen Ende. »Was ist los mit dem Biest? Das wird immer aggressiver.«
Steve hätte seinen kleinen Bruder am liebsten gebeten, ebenfalls herzukommen und ihm bei dieser Drecksarbeit zu helfen, aber so gern Joey den harten Mann spielte, wusste Steve doch ganz genau, dass er ein kleiner Schisser war. Das Einhorn jagte ihm eine Scheißangst ein, und er machte die ganze Sache nur wegen Mom mit. Doch ihre Mutter war inzwischen seit über einem Jahr tot. Klar hatten die Brüder ihr am Sterbebett das Versprechen gegeben, das Unicorn Inn nicht aufzugeben und weiterzuführen mit allen Aufgaben, die dazugehörten. Wirklich allen Aufgaben. Auch dieser hier draußen auf der Lichtung. Steve fragte sich dennoch, wie lange Joey noch mitziehen würde. In letzter Zeit war er nicht mehr so konzentriert bei der Sache und beschäftigte sich mehr mit seiner aberwitzigen Theorie, was Mom betraf, als gut für ihn war. Steve schätzte, dass sie reden mussten.
»Pass bloß auf dich auf, hörst du?«, unterbrachen Joeys Worte Steves Gedanken. Im Hintergrund ertönte die Glocke, die am Eingang zur Rezeption hing. Kundschaft im Laden. »Okay, ich hab‘ zu tun«, erklärte Joey nun.
»Kein Problem, Bruder, bis später!« Steve legte auf und ließ seinen Blick erneut über die Einhornlichtung schweifen, während er das Telefon einsteckte. Das Mistvieh hatte ganze Arbeit geleistet. Das Blut seiner letzten Opfer war weit über die Wiese verteilt. Das würde der nächste Regenguss beseitigen müssen. Mitten auf der Lichtung lag die Lady. Steve erinnerte sich, dass sie ein weißes Oberteil angehabt hatte, als sie am Morgen mit ihrem Mann – Michael, wenn Steve sich richtig erinnerte – das Unicorn Inn verlassen hatte. Jetzt jedenfalls sah es rostrot aus. Die Lady – wie war noch gleich ihr Name, Linda? Lisa? – lag mit verdrehten Gliedmaßen auf dem Rücken. Ihre geöffneten Augen starrten blicklos in den Abendhimmel. Sie war hübsch gewesen, fand Steve. Sie war ganz anders als Rhonda, die kleine Rothaarige, die ihnen im Hotel das Frühstücksbuffet machte und die ihm samstags im Chevy’s für zwei Bier und einen Tequila auf dem Klo einen halbherzigen Blowjob verpasste. Nein, die Lady hier war was Besonderes. Das Blond ihrer Haare hatte nicht so künstlich gewirkt, sie trug kein grelles Makeup, und ihre durchtrainierten Beine hatten in der kurzen Hose ganz schön scharf ausgesehen. Mit den Dingern konnte sie einen Mann bestimmt so fest umklammern, bis er keine Luft mehr bekam.
Aber was auch immer Lisa oder Linda oder – nein, sie hieß Tina, fiel es Steve wieder ein – mit ihrem Körper einem Mann anzutun fähig gewesen sein mochte, sie würde es nie wieder tun können. Und Steve fand das irgendwie traurig.
Die Leiche ihres Mannes Michael lag ein Stück entfernt, ähnlich zugerichtet wie die von der Lady.
Steve seufzte. Es half ja nichts. Sie konnten die Toten hier nicht einfach liegen lassen. Zwar kam durch diese Gegend so gut wie nie jemand durch, weil sie abseits der bekannten Wanderrouten lag, aber wie hatte Mom immer gesagt? Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste! Oder: Ordnung ist das halbe Leben! Wie jedes Mal teilten sich die Banning-Brüder die Aufgabe, alle Spuren zu beseitigen. Joey sorgte im Unicorn Inn dafür, dass sämtliche Habseligkeiten sowie die Autos der Gäste verschwanden, und Steve war hierfür zuständig. Er war der Cleaner. Das klang ziemlich cool. So wurden auch in den ganzen Mafiakrimis die Typen genannt, die nach einem Blutbad kamen und aufräumten, damit die Bullen nichts fanden. Steve liebte diese Filme. Und irgendwann erkannte er, dass auch er ein Cleaner war. Nur arbeiteten er und sein Bruder nicht für die Mafia.

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Okay, dann lassen wir Steve mal in Ruhe aufräumen. Wenn ihr euch bis jetzt noch nicht entsetzt abgewendet hat, dann ist diese Geschichte vielleicht doch etwas für euch, und ihr könnt euch für die Kombination Einhorn + Horror genauso begeistern wie ich. Dann holt euch doch einfach das E-Book oder das Taschenbuch und lest, was das Einhorn noch so anstellt. Viel Spaß dabei!

Donnerstag, 1. März 2018

Vincent Preis Shortlist - Qindie ist dabei!

Oh, das ist aber eine großartige Neuigkeit: Heute wurden die Shortlists für den diesjährigen Vincent Preis verkündet, und wer steht auf der Liste für Beste Anthologie? Qindie! Besser gesagt: Bloody Qindie mit der wundervollen Horror-Anthologie "Letzte Fahrt". Ja genau, die vom Jahrmarkt.

Ich bin so stolz auf unser qindianisches Team!



Jetzt heißt es Daumen drücken fürs Finale. Ach was, nicht nur Daumen drücken - ihr könnt uns dabei unterstützen, dass wir vielleicht noch einen der ersten drei Plätze heimholen, indem ihr euch an der Abstimmung beteiligt, denn die ist öffentlich, und jeder kann mitmachen.



Also das ist der Plan:

(Zuallererst natürlich: Das Buch lesen!)

1. Abstimmen
2. Teilen, weitersagen, empfehlen
3. Daumen drücken

Alles klar?
Dann los!

Vielen Dank für eure Unterstützung!

Darf ich vorstellen: Bewegliche Ziele

Kommen wir nun zur siebten Geschichte in "Dunkle Begegnungen". Sie heißt "Bewegliche Ziele" und erzählt ... eine Liebesgeschichte. Tadaaa! Was, ihr glaubt mir nicht? Es geht um Mike und Paul und die hübsche Vivian, und schon im allerersten Absatz erfahrt ihr, wer von den zwei Jungs sich quasi von einer Sekunde auf die andere in das Mädchen verliebt. Wie würdet ihr das denn nennen?

Immer noch nicht überzeugt? Na gut, ihr habt ja recht, es ist wieder eine echte Horrorgeschichte mit einer ganz besonderen Form von Monster, der ihr so bestimmt noch nicht begegnet seid. Aber es ist wahr: Die Geschichte beginnt mit Liebe auf den ersten Blick, die alle weiteren Ereignisse überhaupt erst auslöst.



Worum geht's?

Die Freunde Mike und Paul besuchen den seltsamen Jahrmarkt, der über Nacht erschienen ist und mit seinen heruntergekommenen Buden, alten Fahrgeschäften und komischen Betreibern auf Mike keinen vertrauenerweckenden Eindruck macht. Dann entdecken sie die Schießbude, und Mike entdeckt Vivian. Er verknallt sich in sie und lässt sich auf einen kleinen Schießwettbewerb mit Paul ein. Als der Schießbudenmann sie lobt und ihnen vorschlägt, seine neueste, noch nicht öffentliche Attraktion als erste auszuprobieren, willigt Paul sofort begeistert ein, doch Mike zögert. Er misstraut dem Schießbudenmann. Paul muss ihn erst überreden mitzukommen. Doch als sie sich im Inneren des schwarzen, schmucklosen Containers allein auf sich gestellt wiederfinden, muss Mike erkennen, dass er falsch lag mit seiner Sorge, man könnte ihn hereinlegen – denn es ist in Wahrheit noch viel schlimmer.
Wie die Geschichte entstand
Ich schrieb "Bewegliche Ziele" wieder einmal für eine Anthologie unter dem Bloody-Qindie-Label. Für den dritten Band hatten wir eine - wie ich nach wie vor finde - geniale Idee, die an einem weinseligen Abend während der Leipziger Buchmesse 2017 Gestalt annahm: Wir wollten einen Jahrmarkt ins Zentrum stellen, einen irgendwie unheimlichen, geheimnisvollen Jahrmarkt, der quasi über Nacht vor den Toren einer nicht näher benannten Stadt auftaucht und auf dem seltsame Dinge geschehen. Jeder von uns nahm sich eine Attraktion vor und bastelte seine Geschichte um diese Attraktion herum. Ich bekam die Schießbude. Tatsächlich dauerte es eine Weile, bis mir dazu eine passende Geschichte einfallen wollte, aber als ich die Idee erst einmal hatte, fiel es mir recht leicht, daraus eine richtig böse, blutige und hoffentlich auch gruselige Geschichte zu machen.
Lesepröbchen
Viel mehr will ich darüber auch noch gar nicht verraten. Aber die versprochene kleine Leseprobe sollt ihr natürlich bekommen. Wie erwähnt, fängt "Bewegliche Ziele" ziemlich harmlos, fast schon romantisch an. Aber keine Sorge, das dicke, blutige Ende kommt dann noch. Jetzt aber erst einmal willkommen auf dem Jahrmarkt ...
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Ihr Name war Vivian, und Mike verliebte sich auf der Stelle in sie. Wie sie da an der Seite der Schießbude stand, mit ihrer wilden Lockenmähne, die nackten Beine überkreuzt, die Daumen lässig in die Gürtelschlaufen ihrer abgeschnittenen Jeans eingehakt, eine zartrosa Kaugummiblase vor dem Mund, die größer und größer wurde und die Sommersprossen auf ihrer zierlichen Nase verdeckte. Darüber funkelten ihre Augen. Mike fiel kein anderes Wort ein, auch wenn es kitschig klang. Sie funkelten, als würden sie kleine Blitze verschießen, und jeder einzelne traf Mike direkt ins Herz. Er konnte kaum atmen vor Aufregung.
Zum Glück war er mit Paul hier. Sein Kumpel war nicht so feige, was Mädchen anging. Also hatte Paul sie einfach angesprochen und gefragt, wie sie hieß, und nun fand Mike, dass Vivian der schönste Name der Welt war. Er bereute nicht mehr, Paul zu diesem seltsamen Jahrmarkt begleitet zu haben, der einfach ohne große Vorankündigung aufgetaucht war und die Besucher mit seinen grellen Lichtern, Fahrgeschäften und exotischen Gerüchen anlockte. Der ganze Jahrmarkt war merkwürdig. Die Buden und Attraktionen wirkten altmodisch und ein bisschen schäbig. Die Leute, die hier arbeiteten, sahen auch nicht gerade vertrauenerweckend aus. Manche von ihnen hätten spontan in einem billigen Horrorfilm als Statisten mitspielen können. Mike wollte nicht hier sein, er hatte keine Lust, auch nur einen Cent seines mühsam ersparten Taschengeldes auf diesem runtergekommenen Rummelplatz auszugeben.
Aber dann entdeckte Paul die Schießbude, und Mike entdeckte – Vivian.
Vergessen waren die stechenden Blicke der Schausteller, an deren Buden sie vorbeigegangen waren, ohne etwas zu kaufen. Vergessen auch die kalkweißen Gesichter der Leute, die aus dem Spiegelkabinett stolperten und Mike und Paul zwangen, beiseite zu springen, damit sie nicht über den Haufen gerannt wurden.
»Und wie heißt ihr?«, wollte Vivian nun wissen.
Mike glotzte sie nur weiter an und hatte Mühe, die Frage zu verarbeiten, geschweige denn eine Antwort zu formulieren. Das übernahm wiederum Paul.
Sie lächelte, und Mike stellte verunsichert fest, dass sie dabei ihn anschaute und nicht seinen Kumpel, der sich direkt vor ihr aufgebaut und seinen Arm lässig gegen die Wand der Bude gestützt hatte. Sie kaute weiter unbeeindruckt auf ihrem rosa Kaugummi herum, ließ sich von Paul in ein belangloses Flirtgespräch ziehen, behielt jedoch die ganze Zeit Mike im Blick, der sich darauf beschränkte, aufmerksam zuzuhören.
So erfuhr er, dass Vivian zum Jahrmarkt gehörte. Sie reiste mit den Schaustellern durchs Land. Das wollte Mike gar nicht glauben. Wie passte ein so zauberhaftes Wesen wie Vivian zu diesem zwielichtigen Volk mit seinen abgenutzten Fahrgeschäften und schrottreifen Buden, von denen schon die Farbe abblätterte?
In seinem Bauch rumorte es, und sein Herz stolperte aufgeregt in der Brust vor sich hin. Gerade als er genug Mut zusammengekratzt hatte, um auch einmal etwas zu Vivian zu sagen, mischte sich der Typ ein, der die Schießbude betrieb.
»Hey, ihr Bürschchen, was is'n jetzt: Wollt ihr schießen oder nur quatschen und den Weg versperren? Dann zieht besser weiter, klar?«
Der Schießbudenmann zog missbilligend die Lippe hoch und entblößte seine braunen Zähne, mit denen er einen Zigarrenstummel festhielt. Seine Stimme klang, als würde er jeden Morgen mit Reißzwecken gurgeln. Ein vergilbtes, fleckiges Unterhemd spannte über eine breite Brust. Mit sehnigen, äußerst kräftig wirkenden Armen stützte er sich auf dem Tresen ab, während er die Jungen unter zusammengezogenen buschigen Augenbrauen anstarrte.
Mike zuckte zusammen und trat automatisch einen Schritt zurück. »Entschuldigen Sie bitte …«, stammelte er, doch Paul unterbrach ihn, grinste den Schießbudenmann selbstsicher an und erklärte:
»Na klar wollen wir schießen.« Er zwinkerte Vivian zu. »Welche Trophäe hättest du gern?«
Sie grinste ihn frech an, stieß sich von der Holzwand ab und stolzierte an den Tresen. Sie schaute einen Moment hin und her und zeigte schließlich auf ein riesiges, pinkfarbenes Plüscheinhorn mit glitzernder Mähne in Regenbogenfarben. »Das da!«
Mike schluckte. Das gigantische Kuscheltier schien einer der Hauptgewinne zu sein. Um genug Punkte zu sammeln, würde es nicht einmal reichen, wenn er und Paul ihr gesamtes Geld zusammenlegten und keinen einzigen Fehlschuss produzierten. Vivian zog einen Schmollmund und schenkte Paul einen Augenaufschlag, der Mikes Knie zum Schmelzen brachte.
»Äh«, begann Paul, »ich hatte eher an etwas Kleineres gedacht.« Er wandte sich an den Schießbudenmann. »Wie viele Punkte brauche ich für das fette Einhorn?«
»Fünfzig.«
»Und wie viele Punkte bringt ein Treffer?«
»Einen.«
»Okay … wie viel kosten denn zehn Schuss?«
»Acht.«
Paul stöhnte auf. Vivian sah zu Mike herüber, zwinkerte ihm zu und unterdrückte ein Kichern. Ganz schön gerissen, die Kleine, dachte Mike. Paul schien das nicht zu merken. Stattdessen funkelten nun seine Augen. Sein Ehrgeiz war geweckt. Mike kannte diesen Ausdruck. Vivian hatte ihn bei seiner Ehre gepackt. Bei den Eiern hatte sie ihn, hätte Paul gesagt.
»Mike, wie viel Geld hast du bei dir?«
Mike riss den Blick von Vivian los, durchwühlte seine Hosentaschen und förderte zwei Geldscheine hervor. »Zwanzig Euro. Komm schon, Paul, du willst das doch nicht alles für die Schießbude ausgeben?«
Paul antwortete nicht. Er nahm Mike das Geld ab, bevor dieser protestieren konnte, und legte es mit seinem eigenen auf den Tresen. Der Schießbudenmann sah ihn lauernd an.
»Also gut, das hier sind 35 Euro. Wie viele Schuss bekomme ich dafür?«
Der Schießbudenmann schien im Kopf hin und her zu rechnen. Dann schob er das Geld wieder zu Paul zurück und erklärte: »Du bist hartnäckig, das gefällt mir. Okay, Bürschchen, ich mach' dir einen Vorschlag. Du schießt jetzt zehn Mal auf die Hasen«, er zeigte auf den Kugelfang aus Blech, in dem im immer gleichen Tempo kleine Hasenfiguren vorbeifuhren, »damit ich sehen kann, wie du dich anstellst – dein Freund darf es auch mal versuchen – und wenn es gut für euch läuft, mache ich euch ein Angebot. Dann ist für die Kleine auch das Einhorn drin.«
»Was für ein Angebot?«, fragte Mike zögernd, während Paul schon nickte und nach einem Gewehr griff.
Der Schießbudenmann grinste ihn an, und dank seiner schiefen, verfärbten Zähne erweckte dieser Anblick kein bisschen Vertrauen, sondern löste in Mike schon fast einen Fluchtimpuls aus.
»Wirst du dann sehen, Bürschchen, wirst du sehen«, sagte der Typ und kratzte sich mit seinen schwarzen Fingernägeln an der unrasierten Wange, was ein Geräusch wie von Sandpapier auf Holz verursachte. Mike schluckte seine aufkommende Panik hinunter und sah zu Vivian, die abwartend dastand und Mike mit ihren Funkenaugen anblitzte.
»Du kannst doch schießen, oder?«, fragte der Schießbudenmann, und als Mike nickte, nahm er ein Karabinergewehr aus dem Regal, lud die erste Kugel aus dem Magazin und hielt Mike die Waffe hin. Der nahm sie vorsichtig entgegen. Sie sah alt und abgenutzt aus – wie alles auf diesem Jahrmarkt. Paul stand schon mit seinem Gewehr im Anschlag da und wartete darauf, dass Mike sich ebenfalls startklar machte.
»Also gut, ihr Bürschchen«, verkündete der Schießbudenmann. »Ihr schießt abwechselnd. Mal sehen, wer der bessere Schütze ist.«
Dann trat er beiseite und gab die Schussbahn frei.
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Na? Ihr wollt doch weiterlesen, oder? Ich merk' das doch! Dann schnell das E-Book oder Taschenbuch besorgen und weiterschmökern. Viel Spaß dabei!

Mittwoch, 28. Februar 2018

Um Bewertung wird gebeten

Ab sofort stellt sich mein Cover für "Dunkle Begegnungen" dem knallharten Wettbewerb auf cover-bewerten.de. Ihr könnt dort auch anonym bewerten, nur Sterne in den jeweiligen Bewertungskategorien abgeben oder auch noch einen Kommentar hinterlassen. Sowohl meine Coverdesignerin Jacqueline Spieweg als auch ich würden uns über eure Meinung freuen.



Darf ich vorstellen: Rent a Body, Inc.

Es wird Zeit, euch Geschichte Nummer 6 aus meinem Buch "Dunkle Begegnungen" vorzustellen. Sie trägt den Titel "Rent a Body, Inc.". Frage an diejenigen, die sie noch nicht kennen: Schon eine Idee, worum es darin gehen könnte? Ich verrate es euch gleich. Vorweg: Die Story ist ziemlich böse, aber ich hatte einen Heidenspaß, sie zu schreiben - natürlich.

Worum geht's?

In einer nicht allzu fernen Zukunft bietet die Firma Rent a Body, Inc. ein ganz besonderes Erlebnis für ihre Kunden: Man wird in den Kopf einer anderen Person versetzt und erlebt einen Abend lang, was diese Person erlebt. Man fühlt, riecht, schmeckt und hört, was der Mietkörper empfindet. Kleinkrimineller, Boxer, Prostituierte – Rent a Body hat alles im Angebot. Harald Wolländer möchte ein Abenteuer erleben, für das er selbst zu feige ist. Er möchte dabei sein, wenn ein Lebemann einen One-Night-Stand mit einer fremden Frau hat. Zunächst läuft alles wie geplant, doch dann muss er feststellen, dass die Frau, mit der sich sein Vermieter trifft, seine eigene Ehefrau ist. Wo hört Treue auf, wo fängt Ehebruch an? Harald Wolländer durchlebt einen Albtraum der besonderen Art.

Wie die Geschichte entstand

Die Idee kam mir, als ich auf der Suche nach einer passenden Geschichte für die Bloody-Qindie-Anthologie "Besessen" war, die im Oktober 2016 erschien. Für diese Anthologie sollte jeder eine Geschichte beisteuern, in der das Thema "Besessen" auf irgendeine Weise aufgegriffen wird. Nun ist das in der Welt des Horrors kein neues Thema, sondern eher ein Klassiker. Also musste ich schon ziemlich weit und um die Ecke denken, um etwas zu finden. Von Dämonen und bösen Geistern besessen - kennen wir schon. Besessene Gegenstände - alles schon gesehen. Exorzismus, Telepathie, Geisterbeschwörung - ja ja, erzählt mal was Neues.

Und so kam ich auf die Idee, dass der Geist, der einen Menschen befällt, da ganz gezielt und mit Erlaubnis reingelasssen worden ist, und zwar zum reinen Unterhaltungszweck. Mir fielen Filme wie "Total Recall" oder "Surrogates" ein, und schnell wurde klar, dass die Science Fiction das passendere Genre für meine Geschichte war. Mein Protagonist Harald Wolländer war schnell gefunden, ich mag den Typen irgendwie. Seinen "Gegenspieler" Bergmann musste ich mir länger zurechtbasteln, aber auch mit ihm bin ich am Ende sehr zufrieden gewesen. Am meisten mag ich Lucy, insbesondere weil sie schließlich ... Ach, ich kann ja nicht schon alles verraten! Lest es einfach selbst.

Lesepröbchen

Zufällig gibt es von genau dieser Geschichte bereits eine ausführliche Leseprobe auf meinem Blog, die ich damals postete, um für unsere Anthologie zu werben. Da verlinke ich jetzt einfach aus Bequemlichkeit dorthin.


Und wenn ihr wissen wollt, wie es weitergeht, könnt ihr euch entweder die Anthologie holen und auch gleich herausfinden, was meinen Qindie-Kollegen zum Thema "Besessen" eingefallen ist. Oder ihr wollt lieber noch weitere Geschichten aus meiner Feder lesen - dann holt ihr euch "Dunkle Begegnungen" als E-Book oder Taschenbuch.

In jedem Fall wünsche ich euch viel Spaß!

Montag, 26. Februar 2018

Darf ich vorstellen: Schwarzer Nebel

Wer schon in "Dunkle Begegnungen" reingelesen hat, dem mag aufgefallen sein, dass es zwei Beiträge mit dem Titel "Schwarzer Nebel" gibt: ein Gedicht und eine Geschichte. Ich darf schon einmal verraten, dass beide inhaltlich nichts miteinander zu tun haben und auch völlig unabhängig voneinander entstanden. Heute stelle ich euch die Geschichte vor.

Worum geht's?

Carolin macht sich Sorgen um ihren Sohn Tim. Seit der Halloween-Übernachtungsparty im Kindergarten verhält er sich seltsam. Carolin ist überzeugt, dass in der Nacht in der Kita irgendetwas mit ihm geschehen sein muss, aber weder die Erzieherinnen noch der Kinderarzt oder ihr eigener Mann schenken ihr Glauben. Doch sie gibt nicht nach, denn ein Jahr später soll ihre jüngere  Tochter Nina ebenfalls zur Übernachtungsparty gehen, und Carolin weiß, sie muss das Mädchen beschützen, auch wenn sie nicht weiß, wovor eigentlich.

Wie die Geschichte entstand

"Schwarzer Nebel" ist die einzige echte Neuveröffentlichung in meinem neuen Buch und zugleich die längste Geschichte. Ich hatte die Story schon vor ein paar Jahren in der Erstfassung niedergeschrieben und wollte sie eigentlich zu einem Wettbewerb bei neobooks einreichen, aber irgendwie hatte ich mir die falsche Deadline notiert. Als ich das Manuskript hochladen wollte, war die Frist zur Einreichung von Beiträgen bereits zwei Tage zuvor abgelaufen. Ärgerlich, aber nur im ersten Moment, denn ich merkte bald, dass die Geschichte noch längst nicht ausgereift war, dass es da noch Lücken zu füllen gab und das eine oder andere ausgeschmückt werden wollte, um die Stimmung besser einzufangen. Dieser letzte Schritt hat bis fast einen Tag vor der Veröffentlichung von "Dunkle Begegnungen" gedauert, ich kann nicht einmal sagen warum. Es fühlte sich ein bisschen wie eine Schreibblockade an, die mich davon abhielt, das Dokument auch nur zu öffnen.

Dabei mag ich die Geschichte total, denn sie trägt auch wieder einen kleinen sehr persönlichen Teil aus meinem Leben in sich - eigentlich sogar zwei Teile. Den einen verrate ich euch hier, denn er löste die Idee zu dieser Geschichte aus. Als unsere Kinder im letzten Kindergartenjahr waren (wir haben Zwillinge), gab es auch eine Übernachtungsparty. Am Abend kamen alle Kinder mit ihren Eltern in der Kita zusammen, und die Leiterin der Einrichtung hielt eine sehr schöne Ansprache, in der jedoch auch ein Satz fiel, den ich in diesem Moment irgendwie komisch fand und später sogar etwas gruselig:



»Liebe Eltern, wenn Sie sich gleich von Ihren Kindern verabschieden, schauen Sie sie noch einmal genau an. Morgen werden es nicht mehr dieselben Kinder sein ...«

Während um mich herum alle Eltern ganz gerührt waren und verstohlen die eine oder andere Träne wegwischten, fing mein Autorenhirn an zu rattern. Was wäre wenn? Wenn es am nächsten Tag tatsächlich nicht mehr dasselbe Kind ist, das man am Abend zuvor in die Kita gebracht hat? Wenn irgendetwas mit dem Kind geschehen ist in dieser Nacht?

Ihr seht schon, mir reichen manchmal winzigste Bemerkungen aus dem alltäglichen Leben, um mich inspirieren zu lassen. Aus diesem Satz oben entstand also meine Geschichte "Dunkler Nebel". Meinen Kindern geht es übrigens sehr gut, und diese Übernachtungsparty muss echt ein Highlight gewesen sein.

Lesepröbchen

Jetzt lade ich euch noch ein, in die Geschichte reinzulesen. Ich präsentiere den Anfang und wünsche dabei viel Spaß!

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Tim hatte ins Bett gemacht – zum ersten Mal seit über einem Jahr. Schuldbewusst sah er seiner Mutter dabei zu, wie sie die nasse Bettwäsche abzog und kurz die Nase rümpfte. Carolin merkte, was für ein betroffenes Gesicht ihr Sohn machte, und hielt inne.
»Schatz, nicht traurig sein, ja? Das kann doch mal passieren«, versuchte sie ihn aufzumuntern und lächelte ihm zu. Nachdem sie das Bettzeug in den Wäschekorb geworfen hatte, legte sie Tim einen Arm um die schmalen Schultern und führte ihn ins Bad.
»Jetzt duschst du erst einmal, und dann gibt es Frühstück«, erklärte sie mit sanfter Stimme. Tim ließ sich widerstandslos helfen. Als er sauber war und Carolin ihn mit seinem Lieblingsbadetuch trockenrubbelte, sagte er leise: »Bitte sag es keinem, Mama.«
Carolin sah ihn an. »Natürlich nicht, mein Schatz. Das bleibt unser Geheimnis.«
»Auch nicht Papa?«
»Auch nicht Papa.«
»Und Nina?«
Carolin nickte mit feierlich-ernster Miene und sagte: »Auch deine kleine Schwester wird es nicht erfahren. Versprochen.«
Erst beim Frühstück entspannte er sich.
Carolin dagegen blieb nachdenklich. Schweigend stopfte sie die Bettwäsche in die Waschmaschine und drückte mit verbissener Energie auf den Startknopf. Bevor sie die Kinder zur Kita bringen musste, hatte sie noch ein paar Minuten, die sie nun mit Falten auf der Stirn vor dem Küchenfenster verbrachte und nach draußen starrte, ohne wirklich hinauszusehen.
Warum nur ging ihr die Sache mit Tim so an die Nieren? Er war eben erst sechs Jahre alt. War es wirklich so ungewöhnlich, dass ein Junge in seinem Alter noch nachts ins Bett machte? Wenn es nur das gewesen wäre, dachte sie und seufzte.
Ihr Mann saß am Küchentisch, nippte an seinem Kaffeebecher und blätterte ohne großes Interesse durch die Zeitung. Carolin spürte, dass er sie aus dem Augenwinkel beobachtete.
»Alles okay, Schatz?«, fragte er beiläufig.
Kurz zögerte sie. War wirklich alles okay? Sie hatte Tim versprochen, es für sich zu behalten. Es war nur dieses eine Mal. Ein Ausrutscher. Nichts weiter, oder? Stefan hatte ihr schon oft genug gesagt, dass sie sich viel zu viele Sorgen um die Kinder machen würde, dass sie ihnen nicht genug Luft zum Atmen ließe.
»Klar«, erwiderte sie schließlich knapp. Bevor Stefan weitere Fragen stellen konnte, stellte sie ihre Teetasse in die Spüle, griff nach ihrer Tasche und verließ die Küche. Sie rief nach Nina und Tim, um sie zur Eile anzuspornen. Es wurde Zeit, die beiden in den Kindergarten zu bringen.

Später am Tag stand Carolin im Supermarkt vor dem Regal mit den Windeln und Wickelunterlagen. Sie war hier gelandet, weil sie bei der Suche nach Taschentüchern Simone, die Mutter von Mirco, entdeckt hatte. Carolin kannte nicht viele der anderen Mütter aus der Kita und legte auch keinen besonderen Wert darauf, doch Simone war eine der wenigen, die ihr sympathisch genug erschienen, um mit ihnen mehr Worte als die üblichen Grußformeln und Floskeln über das Wetter zu wechseln. Vielleicht ergab sich die Gelegenheit, sich mit ihr und ihrem Sohn zum Spielen zu verabreden, überlegte sie.
Also war Carolin ihr gefolgt, um sie an einem der nächsten Regale abzufangen. Als sie jedoch um die Ecke bog, hielt sie abrupt an. Statt sich bemerkbar zu machen, hatte sie sich so weit zurückgezogen, dass Simone sie nicht sehen, sie aber Simone beobachten konnte. Mircos Mutter zog gerade ein Paket Windelhöschen für Jungs aus dem Regal. Für Jungs in Mircos Alter.
Oder in Tims Alter.
Simone hatte Carolin nicht bemerkt und war mit ihrem Einkaufswagen weitergezogen. Carolin jedoch schluckte hart und überlegte, ob Mirco noch einen kleinen Bruder hatte, für den diese Windelhöschen gedacht waren. Wenn sie sich aber richtig erinnerte, war Mirco ein Einzelkind. Also waren die Höschen tatsächlich für ihn?
Nun stand sie selbst vor dem Regal und starrte auf das grüne Paket, auf dem ein süßer Junge im Schlafanzug glückselig lächelte, weil er dank seiner Underjams, wie sie vom Hersteller genannt wurden, ruhig schlafen konnte. Der Junge sah noch viel älter aus als Tim. Sie nahm die Packung in die Hand und las sich die Beschreibung durch.
… besonders dezent … unauffälliger Schutz …
Sie gab sich einen Ruck und warf das Paket in ihren Einkaufswagen. Dass sie an den Kassen und auf dem Weg zum Auto weder auf Simone noch sonst jemanden traf, den sie kannte, erleichterte sie ungemein. Kondome zu kaufen, wäre ihr nicht peinlicher gewesen.
Vom Supermarkt fuhr sie direkt zur Kita. Es wehte ein kalter, ungemütlicher Wind, der Regenschauer vor sich her peitschte. Die winzigen Tropfen bissen Carolin ins Gesicht, als sie aus dem Wagen stieg. Der Spielplatz lag verlassen da – bei diesem Wetter kein Wunder.
Sie entdeckte Tim in seinem Gruppenraum, wo er allein einen Turm aus Legosteinen baute. Als er sie sah, sprang er auf und riss sein Bauwerk dabei um, so dass die Steine in alle Richtungen purzelten.
»Mama!« Er wollte auf sie zu rennen, doch die mahnende Stimme von Sylvia Beier, seiner Erzieherin, hielt ihn davon ab.
»Räumst du bitte erst noch auf, bevor du gehst, Tim?«
Tim sah von Frau Beier zu seiner Mutter, dann wieder zu Frau Beier.
»Na, mach schon, Tim«, forderte Carolin ihn lächelnd auf. »Ordnung muss sein.«
Tim verdrehte kurz die Augen, bevor er sich auf den Spielteppich hockte, die Kiste für das Legospielzeug heranzog und begann, die Steine einzusammeln.
Carolin nickte Frau Beier zur Begrüßung zu. Die junge Frau war damit beschäftigt, den anderen Kindern aus einem Märchenbuch vorzulesen. Wenn Carolin es richtig mitbekam, war gerade das Märchen von Rapunzel dran. Die drei Mädchen und ein Junge lauschten gebannt ihren Worten. Mirco war nirgends zu sehen. Carolin warf einen Blick auf die Garderobe. Mircos Fach, markiert mit einem Clownsgesicht, befand sich direkt neben dem von Tim, der das Konterfei eines Piraten trug. Der Haken war leer. Wahrscheinlich hatte sie Simone knapp verpasst.
Kaum war Tim fertig, lief er zu Carolin. Frau Beier hielt in ihrer Vorlesestunde inne und sah Tim abwartend an. Sie sagte nichts, doch Carolin konnte sich denken, was Tim nun wieder falsch gemacht hatte.
»Willst du dich nicht noch von Frau Beier verabschieden?«
Der Junge ergriff Carolins Hand. Seine kleine Hand fühlte sich kalt an und umklammerte ihre Finger, als wollte er sich an ihr hochziehen. Ohne Frau Beier anzusehen, murmelte er »Auf Wiedersehen, Sylvia«, und schob seine Mutter regelrecht an, damit sie endlich den Raum verließen.
»Mach’s gut, Tim, wir sehen uns morgen«, rief Frau Beier ihm nach und lächelte dabei liebenswürdig. Für Carolin hatte sie keinen Gruß übrig. Sie wandte sich wieder den Kindern zu und fuhr mit dem Märchen fort.
Tim zog und zerrte an Carolins Hand; er konnte es anscheinend kaum erwarten, den Kindergarten zu verlassen. Im Erdgeschoss angekommen riss er sich los und stürmte zur Tür.
»Jetzt warte doch, Tim!«, rief Carolin. »Wir müssen Nina noch abholen.«
Tim blieb stehen und verzog das Gesicht. »Kann ich im Auto warten, Mama?«
Sie rollte mit den Augen, ging aber zur Haustür, entriegelte von dort mit der Fernbedienung ihres Schlüssels den Wagen und ließ den Jungen gewähren. So merkwürdig, wie der Tag bisher verlaufen war, fehlte ihr die Kraft, mit ihrem Sohn zu diskutieren.
Sie lief allein zu Ninas Gruppe, wo sie das Mädchen wie erwartet in der Puppenecke fand. Nina liebte es, mit ihrer Freundin Meike Mutter-Vater-Kind zu spielen. Gerade rührte sie lautstark mit einem winzigen Kochlöffel in einem winzigen Topf, der auf der Herdplatte der Spielzeugküche stand, während Meike daneben wartete, eine mit einem pinkfarbenen Strampler bekleidete Puppe auf dem Arm trug und so tat, als weinte das gemeinsame Puppenkind vor Hunger, und sie müsse es jetzt trösten.
Nina war so vertieft in ihr Spiel, dass sie ihre Mutter gar nicht bemerkte. Carolin stand im Türrahmen und beobachtete ihre Kleine lächelnd dabei, wie sie der Babypuppe ein Lätzchen umband, bevor sie von Meike gefüttert werden sollte.
»Hallo, Frau Holbing«, erklang plötzlich eine Stimme hinter ihr. Carolin zuckte zusammen. Es war nicht Ninas Erzieherin, sondern Frau Kramer, die Leiterin der Einrichtung.
Carolin erwiderte den Gruß und spürte, wie sie innerlich verkrampfte.
Nina hatte Frau Kramer ebenfalls gehört und schaute auf. »Mama!«, rief sie. »Darf ich noch mit Meike zu Ende spielen?«
Am liebsten hätte Carolin Nein gesagt, ihre Tochter geschnappt und schnurstracks das Gebäude verlassen. Was war nur mit ihr los? Das Verhalten ihres Sohnes und der Anblick von Simone, wie sie die Underjams kaufte, die kratzige Stimme von Frau Kramer, all das riss und zerrte an ihrem Nervenkleid. Sie glaubte, Frau Kramers bohrende Blicke wie kleine Nadelstiche auf der Haut zu spüren.
»Mama?«
Nina sah sie mit großen Augen an. Die Kitaleiterin schien ebenfalls auf ihre Antwort zu warten.
Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich innerlich. Sie räusperte sich, setzte ein Lächeln auf und sagte: »Ja, aber nur kurz, Schatz, Tim wartet im Auto.«
Sie vermied es, Frau Kramer anzusehen, denn auf eine Wiederholung des Gesprächs kurz nach der Halloween-Übernachtung in der Kita hatte sie keine Lust. Ihr schwoll jetzt noch der Kamm, wenn sie sich an das selbstgefällige Gesicht der Kitaleiterin erinnerte, als sie ihr versichert hatte, die Kinder hätten immer alle wahnsinnig viel Spaß bei der Übernachtungsparty und dass es stets das Highlight eines jeden Kita-Abschlussjahres sei. Frau Kramers Lächeln an jenem Tag war nicht echt gewesen.
Der unangenehme Moment fand zu Carolins Erleichterung ein Ende, als auch Meikes Mutter eintraf. Die Kramer war sogleich abgelenkt und fing mit der Frau ein Gespräch an. Carolin nutzte die Gelegenheit und sah zu, dass sie sich mit Nina aus dem Staub machte.
Als sie endlich alle im Wagen saßen, musste sie erst einmal tief ein- und ausatmen, um ihr hämmerndes Herz zu beruhigen.
»Mama, warum magst du Frau Kramer nicht?«
Sie sah verblüfft in den Rückspiegel. Nina blickte sie mit unschuldigem Ausdruck an.
»Wie bitte?« Carolins Herz fing erneut an, wie wild zu pumpen. Sie drehte sich zu den Kindern um. Nina trug immer noch diesen arglosen Blick zur Schau. Hatte sie das wirklich gerade gefragt?
»Schatz, wie kommst du denn darauf?«
»Na, du guckst immer so komisch, wenn du sie triffst. Und du magst nie mit ihr sprechen. Sie ist doch nett.«
»Ist sie nicht!« Tim, der bis eben noch mit düsterer Miene in den Novemberregen hinausgeschaut hatte, wandte sich zu ihr um. »Und ich mag sie auch nicht!«
Nina schnaufte hörbar durch die Nase. Bevor sie eine passende Erwiderung abgeben konnte, rief Carolin dazwischen: »Jetzt ist es aber gut! Hört auf zu streiten, verstanden?« Sie sah abwechselnd zwischen den beiden hin und her. Wieso nur mussten Kinder manchmal so schonungslos ehrlich und direkt sein? Und wieso hatte Nina es überhaupt gemerkt? Anscheinend hatte Carolin sich längst nicht so gut unter Kontrolle, wie sie dachte. Am Morgen ihr eigener Mann, der sie argwöhnisch beäugte, und nun ihre Tochter. Sie überlegte, was sie Nina auf ihre Frage antworten sollte. Eine harmlose Frage im Grunde genommen, auf die es tatsächlich eine einfache Antwort gab.
Frau Kramer konnte im Prinzip nichts dafür, dass Carolin nicht allzu viel Sympathie für sie erübrigen konnte. Es gab wenig aus ihrer Kindheit, was sie so klar in ihrer Erinnerung gespeichert hatte wie das Bild von Frau Hallmeyer, ihrer alten Kindergartenerzieherin, wie sie einem Adler gleich über die Kinder wachte, damit sie Mittagsschlaf machten. Carolin war nie gut gewesen darin, mitten am Tag zu schlafen, und der strengen Erzieherin immer ein Dorn im Auge. Frau Kramer mit ihrer akkuraten Bobfrisur und den grünen, stechenden Augen hinter der goldenen Brille wirkte auf Carolin stets wie eine Kopie von Frau Hallmeyer, und sogar ihre leicht kratzige Stimme hörte sich genauso an.
Frau Hallmeyer war einer der dunklen Flecken auf dem bunten Kleid ihrer Kindheitserinnerungen, ein Schatten über Carolins sonst durchweg schönen Bildern von damals, der die leuchtenden Farben eintrübte. Sie dachte nicht gern an diesen dunklen Fleck, ganz besonders nicht an jenen Tag im Sommer. Und sie hatte nicht vor, ihren Kindern ausgerechnet jetzt davon zu erzählen.
»Ich finde Frau Kramer doch auch nett, Nina«, begann sie. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Tim, bitte hilf Nina, sich anzuschnallen, wir wollen losfahren.«
Sie schaute wieder nach vorne, startete den Motor und hoffte, dass sich das Thema erledigt hatte.
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Na? Wir wissen doch alle, dass sich das Thema noch längst nicht erledigt hat, nicht wahr? Neugierig, wie es weitergeht? Das könnt ihr hier nachlesen: E-Book oder Taschenbuch.

Heute ist Erzähl-ein-Märchen-Tag

Ich gebe es zu: Bis heute Morgen wusste ich selbst nicht, dass es einen solchen Tag überhaupt gibt. Aber doch, der 26. Februar ist der internationale Erzähl-ein-Märchen-Tag. An diesem Tag empfiehlt zum Beispiel der Kleine Kalender, seinen Kindern mal ein Märchen vorzulesen oder einfach selbst mal wieder in einem Märchenbuch zu schmökern.

Man könnte natürlich auch zur etwas dunkleren Variante greifen - dem Schauermärchen. Und da dachte ich, ich veranstalte heute ganz spontan ein kleines Gewinnspiel.



Was müsst ihr tun?

Verratet mir in den Kommentaren, welches Märchen, egal ob Grimms oder Hauff, ob nordisch, russisch oder orientalisch, ihr schon immer am gruseligsten fandet und warum, und ihr habt die Chance, mein Schauermärchenbuch "Des Nachts im finstren Wald" zu gewinnen - ich verlose ein signiertes Taschenbuch!

Ihr habt Zeit bis Mittwoch, 28.02.2018, 20 Uhr. Anschließend wird ausgelost.

Auf los geht's los.

Viel Glück!